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Forschungsmanagement in einer ambitionierten Forschungslandschaft 25.08.2023

Kompetenzen koordinieren

Am Institut für Fahrzeugtechnik der Universität Stuttgart koordiniert Viktoria Kelich die Forschungsvorhaben. Dabei verbindet sie ihre Liebe zur Technik mit betriebswirtschaftlichem Wissen und Organisationstalent.

Foto: Dirk Lässig | Text: Mathias Heerwagen

Ohne Partner geht es nicht

Gute Forschung gelingt nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern nur im Austausch von Experten, deren Kompetenzen sich ergänzen. Viktoria Kelich hat es sich zur Aufgabe gemacht, die richtigen Leute miteinander zu vernetzen, um moderne Fahrzeugantriebe zu entwickeln. Die Leidenschaft für Technik, die sie dabei ausleben kann, wird bereits als Kind geweckt. Ihr Vater, ein Elektroingenieur, repariert abends auf dem Küchentisch Fernseher und Videorekorder von Freunden und Bekannten. Die sechsjährige Tochter schaut zunächst interessiert zu. Als Teenager baut sie gemeinsam mit ihm eine Stereoanlage, die sie heute noch regelmäßig nutzt.

Die Affinität für Technik und Wissenschaft bleibt, und während ihre Mitschüler in der Oberstufe auf dem Wirtschaftsgymnasium Fächer wie Physik oder Chemie abwählen, belegt sie nur naturwissenschaftliche Fächer. »Nach dem Abitur wusste ich, dass ich Betriebswirtschaftslehre studieren möchte, aber auch etwas mit Technik. Daher war der Studiengang ›Technisch orientierte BWL‹ in Stuttgart perfekt für mich«, sagt Kelich. Das technische Grundstudium eines Ingenieurs wird mit der klassischen Betriebswirtschaftslehre kombiniert. Werkstoffkunde, Fertigungs- und Festigkeitslehre gehören ebenso zum Lehrplan wie Marketing, Makroökonomik oder Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler. Kelich belegt mit Kfz- und Produktionstechnik zwei Wahlpflichtfächer, obwohl eines reicht. »Mich hat beides interessiert und auf diese Weise konnte ich mein technisches Profil breiter aufstellen.« Um mehr Mädchen und junge Frauen für ein Ingenieurstudium zu begeistern, engagiert sie sich bis heute für den VDI als Botschafterin, besucht Schulen und Berufsorientierungsmessen.

In der Formula Student übernimmt Kelich für das Rennteam der Uni Stuttgart von 2016 bis 2018 die Organisationsleitung. Sie entscheidet, wer was wann wo macht, koordiniert Abläufe während der Rennsaison, organisiert Sponsoring und PR. Alles muss laufen, die Vorbereitungen sind komplex und dauern Wochen. Der von ihr organisierte Rollout des 2017er-Rennwagens vor 1.000 Gästen in der Carl Benz Arena in Stuttgart bleibt ihr als ganz besondere Veranstaltung im Gedächtnis. Die Teams der folgenden Jahre bitten sie regelmäßig um Rat. In dieser Zeit erwirbt Kelich Fähigkeiten, die ihr heute täglich helfen: Den Überblick über das große Ganze behalten, sich nicht in winzigen Details verlieren, Aufgaben an die richtigen Leute delegieren. 

Jeder muss dort eingesetzt werden, wo seine Stärken liegen, und meine Stärken liegen darin, mit vielen Dingen gleichzeitig zu jonglieren.

Dass sie koordinieren kann, muss sie auch sofort beweisen, als sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Fahrzeugtechnik (IFS) der Universität Stuttgart anfängt. Ihr Chef Prof. Dr.-Ing. Michael Bargende hat gleich zu Beginn eine besondere Aufgabe für sie: Eine Woche nach ihrem Dienstantritt findet die FVV-Herbsttagung statt und Kelich soll nicht nur teilnehmen, sondern auch gleich die Berichterstattung des IFS mit organisieren. In den folgenden Monaten und Jahren arbeitet sie sich intensiv ein, lernt die Strukturen kennen und baut gute Beziehungen zur FVV auf. Ohne technisches Verständnis geht hier gar nichts. Und das hat Kelich zweifellos, zudem kann sie schwierige Sachverhalte allgemeinverständlich erklären. Eine Fähigkeit, die ihr während des Master- Studiums zugutekommt, als sie als Tutorin Übungen für Studierende leitet. Eine angedachte Promotion im Bereich Marketing verwirft Kelich, sie will lieber weiterhin mit Technik zu tun haben.

Als Forschungsmanagerin am IFS kümmert sich Viktoria Kelich um die Koordination von circa 30 öffentlich geförderten Forschungsvorhaben, übernimmt dabei Aufgaben in jeder einzelnen Phase, von Projektakquise bis -abschluss. Neben der Erstellung von Präsentationen und Antragsunterlagen sucht sie nach neuen Fördermöglichkeiten und Projektpartnern, betreut Doktoranden, organisiert Veranstaltungen und kümmert sich um den Außenauftritt. Zu ihrer Arbeit gehört auch die Koordination internationaler Forschungsvorhaben im Rahmen der FVV, etwa im CORNET-Programm, das vom AIF gegründet wurde mit dem Ziel, die internationale Zusammenarbeit zu stärken.

Aktuell betreut Kelich die Antragstellung für ein Projekt, in dem das IFS gemeinsam mit der RWTH Aachen und der Politecnico di Torino an Wasserstoff-Brennverfahren mit Wassereinspritzung forschen soll. »Hier soll mittels Direkteinspritzung das Klopfverhalten verbessert und die Bildung der NO-Emissionen bei Wasserstoffmotoren reduziert werden. Dafür müssen sowohl experimentelle als auch simulative Untersuchungen durchgeführt, Wasserverdampfung, Gemischbildung, Spray-Geometrie und Verbrennungsprozesse untersucht werden, um daraus Einspritzstrategien abzuleiten«, erklärt Kelich den komplexen Forschungsansatz. Da hilft nur Teamarbeit: Der Versuchsmotor soll in Aachen stehen, die 3D-Simulation wird voraussichtlich in Stuttgart bearbeitet werden, die 0D-/1D-Simulation in Turin. Kelich koordiniert Kompetenzen.

Über mangelnde Abwechslung im Job kann die junge Frau nicht klagen, die große Bandbreite an Aufgaben, die ihr Job mit sich bringt, gefällt ihr. Lockt dennoch manchmal der Ruf der Industrie? »Forschung und Entwicklung ist durchaus spannend, aber auch der Motorsport hat mich nie losgelassen. Als Mannschaft mit viel Mühe und Energie etwas zu schaffen, was kaum möglich schien, und dann noch gewinnen, das ist ein tolles Gefühl!«, sagt Kelich begeistert. Vielleicht würden ihr aber die Konferenzen fehlen, die Organisation, der Austausch, die Kontakte, eben alles, was Forschungsmanagement ausmacht. Um den Kopf freizubekommen, steigt die 34-Jährige dreimal pro Woche nach Feierabend in ihren knallgelben Mercedes und fährt zum Ballett. Ein jeweils 90-minütiges Workout. Wie sie das zeitlich schafft? »Alles eine Frage des Selbstmanagements.«

Viktoria Kelich, M. Sc., Jahrgang 1987, studierte Technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart. 

Nach dem Master-Studium schreibt sie sich für Elektrotechnik ein und besucht drei Semester lang verschiedene Vorlesungen. Im Rennteam der Uni Stuttgart übernimmt sie für zwei Jahre die Organisationsleitung. Seit 2018 koordiniert Kelich am Institut für Fahrzeugtechnik Stuttgart (IFS) die Forschungsprojekte; im Rahmen des CORNET-Programms der FVV engagiert sie sich für die internationale Zusammenarbeit verschiedener Universitäten.