Forschung

Druck erzeugt Leistung

Schon früh lernt die Unternehmerin Christine Burkhardt das Arbeiten in Netzwerken. Als Mitarbeiterin eines großen Automobilherstellers bieten sich ihr die Möglichkeiten dazu. Frauen sind in der Motorenentwicklung damals noch eine Seltenheit. Das hat auch Vorteile: Ein hoher Bekanntheitsgrad ist wichtige Voraussetzung für ihre Karriere und für eine weitreichende Entscheidung, die sie eines Tages trifft.

Thermodynamische Analysen steigern die Effizienz

»Es müssen sich einfach mehr Menschen trauen.« Christine Burkhardt traute sich vor 16 Jahren. Sie kündigt ihren sicheren Job bei Daimler auf. Sie nutzt ihr Netzwerk und entwickelt eine Software, mit der Ingenieure die Thermodynamik im Verbrennungsmotor berechnen können. Denn sie weiß: »Ich brauche ein Produkt.« Einige Jahre zuvor war sie schon einmal selbstständig tätig, führt im Auftrag von Automobilherstellern und Zulieferern thermodynamische Analysen durch. Sie merkt: »Ich kann etwas, was es nicht zu kaufen gibt, was aber nachgefragt wird.« Das ermutigt sie, ihr Geschäftsmodell zu entwickeln und ein Start-up zu gründen. Dieses Mal nicht mit einer Dienstleistung, sondern mit einer Software. »Nur mit einem guten Produkt habe ich die Skaleneffekte, die ich benötige, um langfristig am Markt erfolgreich zu sein«, ist Burkhardt überzeugt. »Ich verkaufe keine Arbeitszeit, sondern ein Werkzeug. Und das kann ich beständig weiterentwickeln.«

Heute ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Firma EnginOS GmbH und zählt fast alle deutschen Automobilhersteller, viele ausländische Hersteller, die großen Zulieferer und viele Forschungseinrichtungen zu ihrem Kundenkreis. In einem Büro in Ostfildern bei Stuttgart arbeitet sie mit ihrer Firma an der Software »Tiger«, einem etablierten System zur Berechnung von Brennverlauf- und Ladungswechselanalysen. »Wir haben immer schwarze Zahlen geschrieben«, berichtet Christine Burkhardt mit Stolz. Der Erfolg ihres Geschäftsmodells basiert auch auf einer neuen Art der Software-Lizensierung. »Früher kaufte man die Software, und für Updates und Support musste man immer separat bezahlen«, berichtet sie. »Für die Tiger-Software wählten wir ein anderes Modell mit jährlichen Lizenzgebühren, die kostenlose Updates und den Support bereits mit einschließen.« Auf diese Weise stellt Burkhardt mit ihrer vergleichsweise kleinen Firma nicht nur sicher, dass alle Anwender immer mit der neuesten Version arbeiten und von neuen Features profitieren. Es entfällt auch die aufwändige Pflege alter Versionen, und ihre Firma kann sich auf die Weiterentwicklung und den Support konzentrieren. Und der ist durchaus auch inhaltlich: »Es geht nicht nur um die Bedienung der Software, sondern auch um die grundsätzliche Vorgehensweise bei der Analyse neuer Brennverfahren«, erläutert Burkhardt. »Dazu entwickeln wir häufig auch neue Algorithmen.«

Thermodynamische Analysen dienen vor allem dazu, die Effizienz des Verbrennungsmotors zu steigern; mit ihnen kann man aber zum Beispiel auch die akustischen Eigenschaften eines Motors verbessern. Dazu werden Drucksensoren in der Brennkammer und an den Ein- und Auslasskanälen angebracht, um den innermotorischen Verbrennungsvorgang und den Ladungswechsel zu beschreiben. »Der Druck ist die zentrale Größe für die Analyse«, erklärt Burkhardt. »Indem ich den Druck messe, kann ich herausfinden, wie effizient der Motor den Kraftstoff verbrennt. Ich messe, wie viel Energie im Verbrennungsprozess frei wird und wie viel Energie an der Kurbelwelle wieder herauskommt.« Dadurch lässt sich auch herausfinden, wer die größten Verlustbringer sind. Das können beispielsweise Wärmeverluste an den Zylinderwänden, Verluste beim Ladungswechselvorgang oder unverbrannte Kraftstoffanteile sein.

Als Christine Burkhardt nach ihrem Diplom in Verfahrenstechnik an der Universität Stuttgart 1988 bei Mercedes-Benz als Ingenieurin für Messtechnik anfängt, werden solche Entwicklungstools noch ausschließlich firmenintern entwickelt. Am Standort Untertürkheim lernt sie ihr Rüstzeug und verbringt viele Stunden an Motorprüfständen und mit der Analyse der Messdaten. Nach einer Zwischenstation bei AVL und ihrer ersten Selbstständigkeit tritt sie Ende der 1990er Jahre die Nachfolge von Michael Bargende als Teamleiterin Verbrennungsanalyse in der Pkw-Entwicklung von Daimler an. »Das war eine spannende Arbeit, weil wir die ganze Prozesskette in einer Hand hatten – von der Vorbereitung der Versuche über die Messungen am Prüfstand bis hin zur Auswertung und Analyse der Daten«, betont Burkhardt. Dennoch lässt sie die Idee nicht los, eine eigene Firma zu gründen. Nach drei Jahren als Teamleiterin springt sie ins kalte Wasser. Ihr Netzwerk hilft ihr dabei: »Neben dem kommerziellen Erfolg haben mich bei meiner unternehmerischen Arbeit immer die persönlichen Kontakte und der Austausch mit internationalen Experten motiviert«, sagt sie. »Nicht zuletzt sind daraus auch viele langjährige Freundschaften entstanden, die den Spaß am Arbeiten ausmachen.«

Kontakte mit internationalen Experten beflügeln die Unternehmerin

Das gilt auch für ihr Engagement bei der FVV. Schon kurz nach ihrem Start bei Mercedes-Benz wird sie von einem Kollegen zu einer Arbeitsgruppensitzung mitgenommen. Als dieser dann den Bereich wechselt, erbt sie im Alter von weniger als 30 Jahren dessen Posten als Obmann. Eine junge »Obfrau« hat damals noch Seltenheitswert, und der eine oder andere Professor muss sich daran wohl gewöhnen. Aber Burkhardt lässt sich bei ihren Projekten in den Arbeitskreisen der Planungsgruppe »Thermodynamik« davon nicht beeindrucken. Auch mit ihrer eigenen Firma ist sie von Anfang an Mitglied der FVV. »Ein großer Vorteil ist für mich der fachliche Austausch, denn die Motorenwelt entwickelt sich ja weiter. Und die Mitgliedsfirmen dürfen die Forschungsergebnisse verwenden. So konnten wir beispielsweise ein neues Modell zur Berechnung des Wandwärmeübergangs in unsere Software integrieren.« Christine Burkhardt hat sich getraut. Und sie hat es nie bereut. 

Bildquelle: FVV | Rui Camilo

Die Menschen hinter moderner Forschung

Dieser Artikel stammt aus dem Buch »MOTORENMENSCHEN«, das wir anlässlich des 60-jährigen Bestehens der FVV herausgegeben haben. Die Technikjournalisten Johannes Winterhagen und Laurin Paschek ermöglichen auf 200 Seiten technisch interessierten Laien einen Einblick in die Arbeit von Ingenieuren, die an sauberen Motoren und Turbomaschinen forschen. Das Buch kann in Deutsch und Englisch für 39,90 EUR über den VDMA-Verlag bezogen werden.

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Christine Burkhardt

Christine Burkhardt

Geboren in der Landeshauptstadt, wuchs Burkhardt in Ostfildern direkt südöstlich der Metropole auf. Nach ihrem Abitur studierte sie Verfahrenstechnik an der Universität Stuttgart und machte 1988 ihren Abschluss als Diplom-Ingenieurin. Ihre ersten sieben Berufsjahre arbeitete sie als Ingenieurin für Messtechnik in der Motorenentwicklung bei Mercedes-Benz. Dorthin kehrte sie auch nach einem Jahr bei AVL und einem Jahr der Selbstständigkeit zurück: In der Pkw-Entwicklung übernahm sie von 1998 bis 2000 die Teamleitung Verbrennungsanalyse bei Daimler. 2001 gründete sie die EnginOS GmbH, die sie bis heute als Geschäftsführerin und Gesellschafterin leitet. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit Architektur und Landschaftsgestaltung und ist gerne auf Reisen in alle Winkel der Erde.

Forschungsvereinigung Verbrennungskraft­maschinen e.V.

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