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Wechsel in der Geschäftsführung 28.06.2024

Mittler zwischen Wissenschaft und Industrie

Nach 32 Jahren Karriere im VDMA – davon 24 Jahre als Geschäftsführer der FVV und des Forschungskuratoriums Maschinenbau FKM – geht Dietmar Goericke zum 30.06.2024 in den Ruhestand. Im Lauf seiner mehr als drei Jahrzehnte langen Tätigkeit innerhalb der VDMA-Gruppe hat er sich um eine Vielzahl von Themen der Industriellen Forschung im Maschinenbau verdient gemacht und wertvolle Impulse im Bereich der Industriellen Gemeinschaftsforschung gegeben. Im Interview blickt er auf besondere Momente und Erfolge seiner Tätigkeit zurück.

Interview: Richard Backhaus | Fotos: Sarah Kastner

Was waren Ihre größten Herausforderungen als Geschäftsführer der FVV?

Die vorwettbewerbliche Forschung der FVV orientiert sich an den Bedürfnissen der Mitgliedsunternehmen. Und diese Bedürfnisse sind nicht nur aufgrund technologischer Entwicklungen, sondern zunehmend auch durch gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Einflüsse einem ständigen Wandel unterworfen. Eine der größten Herausforderungen war sicherlich, die Arbeit der FVV proaktiv auf neue Anforderungen auszurichten, sodass die Ergebnisse der Forschungsprojekte Lösungsansätze für die jeweiligen technologischen Herausforderungen bieten. In den vergangenen Jahren haben wir beispielsweise die Prozesse und Strukturen innerhalb der FVV optimiert und neue Forschungslinien etabliert, um Antworten auf Fragen zu finden, die aus der grünen Transformation für Turbomaschinen und Antriebe entstehen. Schon seit einigen Jahren treiben wir in der FVV die Diversifizierung bei den Forschungsprojekten weiter voran und decken heute die gesamte Bandbreite künftiger Energieträger und -wandler ab, batterieelektrische Systeme genauso wie die Wasserstoffnutzung in Brennstoffzellen oder thermischen Wandlern sowie andere alternative Energieträger wie die E-Fuels. Durch den gezielten Einsatz der jeweils besten Gesamtlösung lässt sich der Hochlauf klimaneutraler Technologien erheblich beschleunigen. Wie wir in unseren Orientierungsstudien nachweisen konnten, ist das beispielsweise im Verkehrssektor der einzige Weg, die von der EU und Deutschland festgelegten Klimaziele zu erreichen.

Aber die öffentliche Diskussion geht oftmals in eine andere Richtung?

Leider ist die gesellschaftliche und auch politische Meinung in Deutschland oftmals durch ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken bestimmt, bei dem eine Lösung als Allheilmittel gelobt und die anderen Möglichkeiten zur CO2-Reduzierung verteufelt werden. Ich wünsche mir eine ehrliche und offene gesellschaftliche Diskussion, die sich bei der Umsetzung von Netto-Null-CO2-Emissionen an den Fakten orientiert und bei der auch Aspekte wie der durch Industrie und Mobilität erzeugte gesellschaftliche Wohlstand und der Erhalt des Industriestandorts Deutschland Berücksichtigung finden. In anderen Regionen der Welt erlebe ich einen wesentlich engeren Schulterschluss zwischen Industriepolitik und Öffentlichkeit beim Verständnis, die verschiedenen Lösungen technologieneutral zu evaluieren und bedarfsgerecht einzusetzen.

Ich wünsche mir eine ehrliche und offene gesellschaftliche Diskussion, die sich bei der Umsetzung von Netto-Null-CO2-Emissionen an den Fakten orientiert und bei der auch Aspekte wie der durch Industrie und Mobilität erzeugte gesellschaftliche Wohlstand und der Erhalt des Industriestandorts Deutschland Berücksichtigung finden.

Wie haben sich die Strukturen der FVV geändert, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden?

Wie schon erwähnt haben wir unser Forschungsspektrum durch neue Projektgruppen erweitert.  Zudem haben wir die Struktur der Projektplanung angepasst. Grundlage der Aktivitäten bilden nun die gesellschaftlichen und sich daraus ergebenden technologischen Anforderungen an nachhaltige Energiewandlungssysteme. Diese werden von der System- bis tief in die Komponentenebene spezifiziert und in Forschungsprojekten implementiert. Das alles ist in unserem neuen Leitbild ›MAKE IT NEW‹ zusammengefasst. Des Weiteren sind wir dazu übergegangen, die innovativen Themen rund um Industrielle Forschung in Deutschland und Europa im FKM zu bündeln. Damit heben wir Synergien bei der Entwicklung von Forschungsideen, bei der forschungspolitischen Beratung und bei der Umsetzung der Forschungsprojekte. Mir ist auch die verstärkte Kooperation mit Hochschulen bei der Nachwuchsförderung ein großes Anliegen. Durch die Einbindung von Studierenden und Absolventen in unsere Forschungsprojektarbeit unterstützen wir bei der Qualifizierung der Ingenieurinnen und Ingenieure und helfen so, dem Fachkräftemangel in Deutschland zu begegnen.

Wie haben sich die Erwartungen der Mitglieder an die FVV geändert?

Die FVV wird immer mehr als Denkfabrik wahrgenommen, die Impulse für Entwicklungsentscheidungen bei den Mitgliedsunternehmen geben soll. Das liegt auch an der Vielzahl der technischen Inhalte, die von der Entwicklung parallel bearbeitet werden müssen, während die Abteilungen gleichzeitig immer weiter gestrafft werden. Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, die zumeist über begrenztere Kapazitäten verfügen. Durch unsere Orientierungsstudien stellen wir die Ergebnisse der vorwettbewerblichen Gemeinschaftsforschung in einen anwendungsorientierten Kontext und liefern den Firmen eine Grundlage für ihre Entwicklungsentscheidungen.

Wie hat sich die Mitgliederstruktur der FVV verändert?

Parallel zu den Märkten haben wir auch bei der FVV die Internationalisierung weiter ausgebaut. In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir immer mehr Mitglieder aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland hinzugewinnen. Zudem haben wir ein Kooperationsnetzwerk mit Forschungseinrichtungen in Europa und weltweit aufgebaut. Neben sehr guten Beziehungen zu Universitäten in der Schweiz und Österreich erweitern wir unsere Forschungskooperationen beispielsweise in Italien und den USA. Eine sehr enge Zusammenarbeit verbindet uns mit der japanischen Forschungsvereinigung AICE, einem Zusammenschluss der japanischen Automobilindustrie aus OEMs, Zulieferern und der Wissenschaft, der 2014 nach dem Vorbild der FVV gegründet wurde. Davon profitieren alle Mitgliedsunternehmen, denn der internationale vorwettbewerbliche Know-how-Austausch bringt neue Impulse und Ideen in die Forschungsprojekte. Und das stützt, wie man am Beispiel Japan sehr gut sehen kann, unseren forschungspolitischen Ansatz der Technologieoffenheit.

Die FVV ist ein ›Mitmachverein‹, der von der Unterstützung der Mitglieder lebt. Ich bin sehr glücklich, dass sich immer mehr Firmen und Forschungseinrichtungen aus dem In- und Ausland finden, die die vorwettbewerbliche Forschung aktiv mitgestalten wollen.

Dietmar Goericke im Kreise des FVV-Führungsteams (von links nach rechts): Matthias Zelinger (stellvertretender Geschäftsführer), Dr. Markus Schwaderlapp (Vorsitzender des Vorstands), Christopher Steinwachs (stellvertretender Vorsitzender des Vorstands), Dietmar Goericke, Martin Nitsche (neuer Geschäftsführer ab 01.07.2024), Dr. Andreas Kufferath (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats)

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach der FVV?

VDMA und FVV haben den Großteil meiner beruflichen Karriere geprägt. In den mehr als 30 Jahren beim VDMA habe ich viele großartige Kolleginnen und Kollegen sowie Geschäftspartnerinnen und -partner kennenlernen dürfen. Bei allen – vor allem aber beim Team des FKM und der FVV – bedanke ich mich für die hervorragende, freundschaftliche Zusammenarbeit und wünsche alles Gute für die Zukunft. Persönlich werde ich mich wieder verstärkt Interessen widmen, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen sind. Ich möchte mehr Sport treiben, Reisen und meine Französisch-Sprachkenntnisse auffrischen. Und nicht zuletzt werde ich mich verstärkt um meine Familie kümmern.