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Interview mit dem stellvertretendem Geschäftsführer Max Decker 12.10.2026

Gute Idee!
Warum die Industrielle Gemeinschaftsforschung der FVV wirkt

Text: Mathias Heerwagen | Foto: Sarah Kastner Fotografie, Adobe Stock

Herr Decker, Sie sind seit Ende November letzten Jahres stellvertretender Geschäftsführer der FVV und leiten das Forschungsprogramm. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in der neuen Rolle?

Wir leben in einer spannenden Zeit, es kommen strategische Themen hinzu, es wird viel umstrukturiert, man sucht sich neue Lösungswege – und es findet gleichzeitig ein Generationswechsel statt. Ich erlebe es an allen Stellen, dass Mitglieder in großer Zahl aus dem Berufsleben ausscheiden, auch an den Lehrstühlen. Im Moment ist der Wechsel von der alten zur neuen Generation eine Herausforderung, zusätzlich zur wachsenden Themenvielfalt. Die jüngeren Leute leben etwas mehr in der digitalen Welt und wir müssen schauen, ob die vorhandenen Arbeits- und Vernetzungsformate damit vereinbar sind oder wir etwas ändern müssen. Derzeit überlegen wir, wie man den FVV Transfer + Networking Event zukunftsfähig machen kann, damit wir auch für die junge Generation attraktiv bleiben. Die Lage in der Wirtschaft ist durchaus angespannt, jetzt schickt man nur noch einen Mitarbeiter zur Tagung und nicht mehr fünf, und der eine muss sich achtteilen. Da wollen wir den Mitgliedern verstärkt zeigen, was die Vorteile der Veranstaltung sind.

Warum sollten mehr Mitglieder zur Tagung kommen?

Unter anderem, weil man dort auf das große Netzwerk zugreifen kann. Die industriellen Forschungsvereinigungen ruhen auf drei Säulen: Forschung, Netzwerk und Ausbildung. Man lernt auf den Tagungen Leute kennen, die am gleichen Problem arbeiten und kann so über den Tellerrand blicken. Weil andere Wissenschaftler eine Problemstellung vielleicht anders angehen, öffnet das ganz neue Blickwinkel. Ich habe mehrfach erlebt, dass man eine Problemstellung diskutiert und dann ein neues Argument dazu kommt, an das man vorher nicht gedacht hat – und die anderen merken, von der Seite haben wir das noch gar nicht betrachtet!
Auf den Tagungen ist die Schwarmintelligenz der FVV versammelt. Man lernt die Bearbeiter der Projekte kennen, kann mit den Lehrstuhlinhabern sprechen und neue Kontakte knüpfen und so möglicherweise einen guten Job finden. Natürlich alles unter den Vorgaben der vorwett- bewerblichen Forschung, wir bilden einen sicheren Raum im Rahmen der Complianceregeln.

Die industriellen Forschungsvereinigungen ruhen auf drei Säulen: Forschung, Netzwerk und Ausbildung. Man lernt auf den Tagungen Leute kennen, die am gleichen Problem arbeiten und kann so über den Tellerrand blicken. Weil andere Wissenschaftler eine Problemstellung vielleicht anders angehen, öffnet das ganz neue Blickwinkel.
Max Decker

Verbinden viele Mitglieder die FVV noch vorwiegend mit Automotive-Themen?

Ich glaube, der strukturelle Wandel der vergangenen Jahre ist hauptsächlich bei den Leuten nicht angekommen, die ohnehin kaum Kontakt zur FVV hatten. Die kennen den Namen aus vergangenen Zeiten und verbinden die FVV mit Verbrennungsmotoren für Autos. Dabei sind wir seit Langem viel breiter aufgestellt und offen für alles, was die Mitglieder zu Antriebs- und Energiesystemen erforschen wollen. Wir setzen Projekte in vielen Sparten um, etwa im Bereich der Energiewandlung mit Brennstoffzellen und Elektrolyseuren. Aber unsere Mitglieder forschen auch an Werkstoff- und Tribologiethemen, E-Fuels und Projekten zur Wasserstoffverbrennung, um nur einige zu nennen.

Welche Themen wollen Sie künftig ausbauen, und bemerken Sie einen Rückgang der Automotive-Themen?

Auf der Antriebsseite sind viele Automotive-Leute bei uns, wir haben aber auch zahlreiche Großmotoren-Themen, von daher würde ich nicht sagen, dass es einen Rückgang gibt. Kleinmotoren-Entwickler sind etwas weniger vertreten, da gibt es noch Potenzial. Noch etwas Anlauf und mehr Projekte brauchen die neuen Expertengruppen, in denen es beispielsweise um Elektromotoren oder Elektrolyseure geht. Daran arbeiten wir. Die Märkte und damit auch die Industrie ändern sich sehr schnell und wir haben momentan viele Schubladen, die wir mit Engineering-Lösungen füllen. Wenn die Technologie XY zum Fliegen kommt, mache ich die Schublade auf und habe eine Lösung parat, auf die ich meine eigene Entwicklung aufbauen kann. Das kostet zwar Geld, aber so ist man besser auf zukünftige Anforderungen vorbereitet.

Wie arbeitet die FVV? Wie entstehen industriegetriebene Forschungsprojekte? Und wie können sich Ihre Mitarbeitenden konkret einbringen? Mit der FVV Membership Roadshow kommen wir direkt in Ihr Unternehmen und geben Ihren Teams einen kompakten Einblick in unsere Strukturen, Arbeitsweisen und Forschungsschwerpunkte.

Im Mittelpunkt stehen die allgemeinen und individuellen Vorteile Ihrer Mitgliedschaft: Zugang zu vorwettbe werblicher Forschung, ein starkes internationales Expertennetzwerk, gezielter Wissenstransfer und die Möglichkeit, Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette aktiv mitzugestalten.

Machen Sie die FVV und ihre Angebote in Ihrem Unternehmen noch sichtbarer: Laden Sie die FVV Membership Roadshow zu sich ein! Vereinbaren Sie mit Martin Nitsche oder dem FVV-Projektmanagement einen Termin – online oder vor Ort.

Mit den neuen Themen kommt eine neue Generation an Wissenschaftlern, wie können Sie neue Mitglieder gewinnen?

Wir haben sehr viele Kontakte zu Universitäten und bauen unser Forschungsnetzwerk kontinuierlich aus. Kürzlich habe ich in Graz in einer Sitzung des Projektbegleitenden Ausschusses folgendes erlebt: Ein Sachbearbeiter des Lehrstuhls war mit unserem Projekt betraut, aber es saßen fünf weitere wissenschaftliche Mitarbeiter im Hörsaal, die sich angehört haben, wie ein FVV-Projekt funktioniert. Das sind fünf zukünftige Ingenieure, die die FVV kennen und vielleicht später im Unternehmen sagen, da würde ich gerne ein Projekt einreichen. Zumal die Firmen ein Forschungsvorhaben nicht direkt bezahlen müssen, ein großer Teil kommt aus öffentlicher Förderung und belastet nicht das Budget der Unternehmen – auch das macht die FVV attraktiv.

Gewinnt die FVV auch Mitglieder aus anderen Branchen?

Ja, mit der Abgasnorm Euro 7 wird beispielsweise nicht mehr nur am Auspuff gemessen, sondern es werden Reifen- und Bremsenabrieb mit einbezogen. In der Emissionsgruppe hatten wir plötzlich viele neue Leute aus der Bremsen- und Reifenentwicklung. Da haben wir viele Mitstreiter bekommen, die wir nicht auf dem Schirm hatten. Wir freuen uns über alle, die sich einbringen und Projekte umsetzen wollen. Vieles geht über Mund-zu-Mund-Propaganda, und manchmal wirken Unternehmen bei einem Projekt als Gast mit und liefern Bauteile zu oder führen Berechnungen durch. Häufig ergeben sich daraus volle Mitgliedschaften, auch hier läuft also viel über das Netzwerk.

Die FVV hat sich international breiter auf gestellt. Sind gerade bei neuen Technologien Unternehmen aus Fernost eine Herausforderung für unsere Industrie?

Wir können viel lernen von dem, wie beispielsweise Japan oder China bestimmte Themen angehen. Wenn etwas politisch gewollt ist, wird das auf schnellem Weg umgesetzt. Gerade in Deutschland und der EU gibt es viele Regularien, die Prozesse behäbig machen. Wenn wir Bürokratie abbauen und schneller handeln könnten, könnten wir besser auf Mitbewerber reagieren. China ist ein gutes Beispiel, denn dort wird ein Ziel definiert und der Weg dahin ist offen. Dem intelligenten Schwarm den Lösungsweg überlassen ist sicher eine gute Idee.

Bei den vielen Ideen für neue Projekte wird es sicher schwieriger zu entscheiden, welche man fördert?

Bei den Eigenmitteln sind wir grundsätzlich überzeichnet, aber es ist klar, dass es wesentlich mehr Forschungsbedarf gibt als Eigenmittel vorhanden sind. In der öffentlichen Förderung gehen wir in erster Linie über das Programm der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF), das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgelegt wird. Hier entscheiden themenspezifische Gutachtergruppen über die Qualität eines Forschungsantrags. Das ist schwierig, aber wir haben dennoch eine sehr hohe Erfolgsquote dort. Wir haben über Jahre analysiert, was ein gutes, anwendungsorientiertes Forschungsvorhaben ausmacht, und können den Forschungsstellen Tipps geben, auf was sie bei der Antragsstellung besonders achten oder noch erwähnen müssen. Es ist wichtig, einen Blick von außen zu haben.

Was ist für Sie das Besondere an der Gemeinschaftsforschung?

In der IGF übernehmen innovationsstarke, anwendungsorientierte Unternehmen den Lead. Davon profitieren dann alle Mitglieder eines Forschungsnetzwerks. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den Forschungseinrichtungen, der Industrie und den Fördergebern funktioniert. Dadurch dass Industrielle Gemeinschaftsforschung technologie- und themenoffen ist, ergeben sich viele Möglichkeiten des Austauschs auch zwischen verschiedenen Disziplinen. Das ist entscheidend, um neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und in die Anwendung zu bringen.

In der IGF übernehmen innovationsstarke, anwendungsorientierte Unternehmen den Lead. Davon profitieren dann alle Mitglieder eines Forschungsnetzwerks. [...] Dadurch dass Industrielle Gemeinschaftsforschung technologie- und themenoffen ist, ergeben sich viele Möglichkeiten des Austauschs auch zwischen verschiedenen Disziplinen. Das ist entscheidend, um neue Entwicklungen frühzeitig  zu erkennen und in die Anwendung zu bringen.
Max Decker

Und was macht Ihnen besonders viel Freude im »neuen« Job?

Ich finde es total spannend, ganz am Anfang neuer Ideen dabei zu sein, weil es vorwettbewerbliche Forschung ist, und dann zu sehen, was draus wird. Es sind zu viele Projekte, um tief einzutauchen, aber ich bekomme eine Ahnung von dem, was gerade technisch passiert. Es gibt den Satz: Man lernt jeden Tag etwas Neues, und ich lerne jeden Tag viel Neues!
Das ist toll. //

Max Decker studierte Maschinenbau an der Fachhochschule Bingen und der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg mit Schwerpunkt Produktentwicklung, Konstruktion und Berechnung.

Im Anschluss war er als tech- nischer Referent im Bereich Emissionsgesetzgebung und Homologation im Referat Verkehr des VDMA e.V. tätig. Nach einem Wechsel innerhalb der VDMA-Gruppe zum Fachverband Motoren und Systeme mit den Arbeitsschwerpunkten internationaler Emissionsgesetzgebung für Motoren und Mobile Maschinen sowie Power-to-X-Technologien übernahm er 2019 die Funktion eines Projektmanagers bei der FVV und betreut seitdem Forschungsvorhaben in den Bereichen Materialwissenschaften und Recycling einschließlich kritischer Rohstoffe und Additiver Fertigung sowie Zero-Impact-Emissionen einschließlich Nicht-Abgasemissionen wie Bremsstaub oder Reifenabrieb.

Im November 2025 wurde Max Decker zum stellvertretenden Geschäftsführer der FVV ernannt und leitet in dieser Funktion das Forschungsprogramm.

Seit Juli 2022 ist Max Decker Geschäftsführer der Deutschen Forschungsgesellschaft für Automatisierung und Mikroelektronik e.V. (DFAM). Die DFAM ist wie die FVV eine industrielle Forschungsvereinigung im Forschungskuratorium Maschinenbau (FKM) e.V., der Wissens- und Kooperationsplattform des VDMA für Forschung und Innovation und Industrieller Gemeinschaftsforschung (IGF).