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Interview mit Dr. Andreas Kufferath 03.11.2025

Komplementäre Forschung für klimaneutrale Energieerzeugung und Mobilität

Dr. Andreas Kufferath verantwortet bei der Robert Bosch GmbH als Vice President innerhalb des Geschäftsbereichs ›Commercial Vehicles & Offroad‹ die Themen Umwelt und Regulierung. Seit 2022 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der FVV. Wie er im Interview erklärt, ist Technologieneutralität in der Forschung die zentrale Voraussetzung für eine schnelle Defossilisierung des europäischen Verkehrssektors.

Text: Richard Backhaus | Foto: Sarah Kastner

Welche Mission haben Sie als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der FVV?

Ich sehe meine Tätigkeit als Teil der Teamarbeit des gesamten Wissenschaftlichen Beirats der FVV. Wir unterstützen das wissenschaftlich-technische Forschungsprogramm der FVV, sichern die Qualität der Arbeit ab und kümmern uns um eine faire und sinnvolle Verteilung der Finanzmittel. Wir sind damit das Bindeglied zwischen der Wissenschaft, den Forschungsstellen, den Mitgliedern aus der Industrie und dem FVV-Vorstand. Der Beirat setzt sich aus den Vertretern der Mitgliedsunternehmen zusammen, sodass die unterschiedlichen Unternehmenssichten eingebracht werden. Dadurch berücksichtigen wir die verschiedenen Technologien der einzelnen Fachdomänen und können damit deren Abbildung in den Projekten sicherstellen. Unsere Aufgabe ist, die vielen guten eingebrachten Ideen im Ausschuss Forschung, dem Arbeitsgremium des Beirates, zu sortieren und zu kanalisieren. Ein wichtiger inhaltlicher Aspekt ist für mich dabei ein breiter technologischer Ansatz der Forschungsprojekte, der offen für alle sinnvollen Optionen ist, denn nur so kann Klimaschutz wirksam, mit hoher Resilienz und mit der erforderlichen gesellschaftlichen Akzeptanz umgesetzt werden.

Ein wichtiger inhaltlicher Aspekt ist für mich dabei ein breiter technologischer Ansatz der Forschungsprojekte, der offen für alle sinnvollen Optionen ist, denn nur so kann Klimaschutz wirksam, mit hoher Resilienz und mit der erforderlichen gesellschaftlichen Akzeptanz umgesetzt werden.
Dr. Andreas Kufferath

Wie bewerten Sie den Veränderungsprozess der FVV weg von der Verbrennungskraftmaschine hin zu einem breiten Spektrum an nachhaltigen Energiewandlungssystemen?

Diesen Veränderungsprozess haben wir ja schon vor einiger Zeit begonnen und dabei großen Wert auf eine sorgfältige, mit den Mitgliedsunternehmen abgestimmte Planung gelegt. Dem Wesen der Transformation im Energie- und Mobilitätssektor entsprechend ist dabei die ursprüngliche Konzentration auf den Verbrennungsmotor in den Hintergrund getreten. Bei der strategischen Bewertung der Technologien haben wir ganz bewusst die Nachhaltigkeit mit ihren ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten in den Vordergrund gestellt. Es gilt, ein Gleichgewicht zwischen diesen drei Dimensionen zu finden, um eine langfristige Lebensqualität zu gewährleisten. Zudem haben wir ein Review-Verfahren etabliert, mit dem wir den Veränderungsprozess kontinuierlich prüfen und anpassen. Wenn ich mir die angestoßene Transformation der Mobilität in Europa anschaue, dann kann ich diese Sorgfalt bei Planung und Ausführung leider nicht überall erkennen. Als Industrie stehen wir dadurch vor großen Herausforderungen, denn was die Politik aktuell verlangt, ist an vielen Stellen keine Transformation, sondern ein nicht nachhaltiger digitaler Umbruch.

Können Industrie und Verkehrssektor ohne eine robuste Mehrpfadstrategie überhaupt Klimaneutralität erlangen?

Ich möchte hier stellvertretend meinen Arbeitgeber als Beispiel anführen: Die Transformation zur Klimaneutralität steht bei Bosch ganz oben auf der Agenda. Die batterieelektrische Mobilität gehört zum Kerngeschäft, da sie ein Wachstumsmarkt ist und weltweit insbesondere im Pkw-Bereich dominierend sein wird. Zugleich sprechen wir uns aber unverändert dafür aus, im Mobilitätssektor alle Antriebstechnologien einzusetzen. Und das aus der Überzeugung heraus, dass die Nutzung aller, häufig komplementärer Technologien der schnellste Weg zu einer klimaneutralen Mobilität ist. Wir haben uns den Klimazielen verpflichtet und investieren intensiv in die Elektromobilität, aber auch in alle anderen Technologien, wie Wasserstoff oder E-Fuels. Daher sind wir als Bosch in der FVV, die genau diese Mehrpfadstrategie verfolgt, sehr gut aufgehoben

Mit ganzer Kraft für klimaneutrale Energiewandlungssysteme – Der FVV-Forschungsturbo läuft.

Damit unsere Mitgliedsfirmen in der Automobil-, Mobilitäts- und Energiewirtschaft möglichst klimaneutral wirtschaften können, braucht es emissionsarme und ressourcenschonende Technologien, die auf den Einsatz erneuerbarer Energien und hohe Energieeffizienz ausgelegt sind. Dadurch werden Unternehmen wettbewerbsfähiger, ihre Energieabhängigkeit nimmt ab und die Branche als Ganzes kann die gesteckten Klima- und Energieziele sicherer erreichen.

Sie verfügen über eine umfangreiche Industrie-Erfahrung. Wie bringen Sie diese Expertise in die Tätigkeit für die FVV ein?

Die FVV hat mich in meiner gesamten Berufslaufbahn auf ganz verschiedenen Ebenen begleitet. Anfangs war ich eher ein Beobachter der unterschiedlichen Projekte, dann wurde ich Teilnehmer eines Arbeitskreises und habe auch selbst Projekte angestoßen, später wurde ich dann in den Wissenschaftlichen Beirat berufen und bin heute dessen Vorsitzender. Ich habe in allen Positionen meine Erfahrungen eingebracht, war mir dabei allerdings auch immer bewusst, dass sich die eigene wissensbasierte Sicht auf die Dinge kontinuierlich an die technologische Entwicklung anpassen muss. Diese Reflektion hilft mir beispielsweise dabei, aktuelle Herausforderungen zu verstehen, vor denen die Bearbeiter der FVV-Projekte in den Forschungsstellen stehen. In den vergangenen Jahren habe ich zudem gelernt, dass gute technische Lösungen, auch wenn sie für die Gesellschaft eigentlich richtig wären, nicht immer an allen Stellen der Politik Anklang finden. Auch die in diesen Diskussionen gewonnenen Erfahrungen bringe ich gerne in die FVV ein, um die Mehrpfadstrategie bei den Mitgliedsfirmen und in der Öffentlichkeit zu verankern. Ganz wichtig sind dabei die Orientierungsstudien, die das ganze Ökosystem betrachten und damit ein realistisches Bild der Möglichkeiten zur Umsetzung des Netto-Null-CO2- Emissionsziels zeichnen.

Die FVV steht auf der einen Seite für eine vorwettbewerbliche Forschung, die auf der anderen Seite aber auch industrienah sein soll. Wie kann der scheinbare Widerspruch aufgelöst werden?

Die Differenzierung zwischen vorwettbewerblicher Forschung und einer Entwicklung, die direkt in die Serie einfließen kann, gibt uns als FVV die Leitplanken vor, zwischen denen wir uns bewegen. Dennoch ist unser Spielfeld so groß, dass wir bei Auswahl und Umsetzung der Forschungsprojekte den Nutzwert für die Industrie in den Vordergrund stellen können. Die eben schon erwähnten Orientierungsstudien sind hier ein gutes Beispiel. Deren Besonderheit ist die hohe Anzahl an beteiligten Fachleuten mit einem sehr breiten Wissensportfolio in den zugehörigen Arbeitskreisen. Daraus resultieren ein Studienumfang, eine Tiefe und eine Qualität, die ein einzelnes Unternehmen, auch ein sehr großes, alleine gar nicht leisten kann. Das geht nur durch unsere Gemeinschaftsforschung. Ein anderes Beispiel sind Projekte, die sich mit Detailfragen beschäftigen, etwa bezüglich Werkstoffe oder Messtechnik. Auch hier können wir auf vorwettbewerblicher Ebene viel bewegen. In den letzten Jahren ist der Kostendruck in der Entwicklung bei den Firmen immer weiter gestiegen, daher ist es wichtig, die vorwettbewerbliche Forschung als Wissensreservoir zu verstehen, aus dem sich die Unternehmen für ihre Entwicklung bedienen können. Eine hohe Effizienz bei Forschung und Entwicklung durch Synergien und komplementäre Themenabdeckung stärkt letztlich auch den Wirtschaftsstandort Europa.

In den letzten Jahren ist der Kostendruck in der Entwicklung bei den Firmen immer weiter gestiegen, daher ist es wichtig, die vorwettbewerbliche Forschung als Wissensreservoir zu verstehen, aus dem sich die Unternehmen für ihre Entwicklung bedienen können.
Dr. Andreas Kufferath

Wie lässt sich der Technologietransfer der FVV-Forschungsergebnisse in die Unternehmen optimieren?

Unternehmen sollten Themenbereiche, in denen sie Forschungsbedarf sehen, direkt als Projektidee in die Arbeitsgruppen der FVV einbringen. Bei den Projekten sollten sie sich dann aktiv beteiligen und damit den Informationsfluss aus dem Projekt ins Unternehmen optimieren. Der Transfer der Informationen, die beispielsweise durch die FVV-Tagungen und das Wissensmanagementsystem THEMIS in hoher Qualität bereitgestellt werden, in das eigene Unternehmen ist dann allerdings eine individuelle und sehr spezifische Aufgabe, die stark von der Unternehmensstruktur und -kultur abhängig ist. Daher gibt es kein universelles Patentrezept, sondern jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden.

Können Sie praktische Erfahrungen ihres Arbeitgebers in Bezug auf die synergetische Nutzung der FVV-Forschungen nennen?

Als Beispiel kann ich den Transfer von Forschungsergebnissen im Bereich der Abgasnachbehandlung nennen. Vor einigen Jahren hat die FVV eine Vielzahl an Projekten initiiert, in denen die Emissionsentwicklung im Zusammenwirken von Motor, Steuerungssoftware und Abgasnachbehandlung mit der Messtechnik systematisch untersucht wurde. Die eigenen Bosch-Aktivitäten haben wir durch diese Forschungen so ergänzt, dass wir uns bei den hausinternen Projekten vor allem auf wettbewerbsrelevante Aspekte konzentrieren konnten. Einige Jahre später wurden diese Grundlagen dann in die Entwicklung überführt und mündeten in Serienprodukte und -systeme, die heute millionenfach in Fahrzeugen robust auf der Straße eingesetzt werden.

Wie können technische Studiengänge wieder attraktiver für Schulabgänger gemacht werden?

Das ist eine sehr anspruchsvolle gesellschaftliche Aufgabe, der nicht genügend Stellenwert eingeräumt wird. Die Technik wird, getrieben durch ideologisch aufgeladene Diskussionen, häufig nicht mehr als Teil der Lösung angesehen, sondern als Problem. Alle gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Strukturen müssen wieder ein Klima der Begeisterung für technische Studiengänge schaffen. Dabei darf man nicht erst zum Zeitpunkt der Studienwahl ansetzen, denn dann ist die Interessensprägung zumeist schon abgeschlossen, sondern schon sehr viel früher, maßgeblich in der Schule.

Was bietet die FVV Nachwuchskräften?

Für Studierende und Doktoranden ist die FVV eine einzigartige Plattform, um frühzeitig mit der Industrie in Kontakt zu kommen und an hochaktuellen Forschungen mit Industriebezug mitzuarbeiten. In den Projekten erhalten sie einen sehr guten Einblick in die Denk- und Arbeitsweisen der Industrie, können Erfahrungen im Projektteam sammeln, ihr Wissen ausbauen und ihr Netzwerk erweitern. Das ist extrem hilfreich für den weiteren Berufsweg. Ich würde mir wünschen, dass dieses Engagement der FVV mehr Beachtung fände. Für mein Unternehmen kann ich sagen, dass wir die Zusammenarbeit mit der FVV gezielt für die Akquise von Nachwuchskräften nutzen. Die FVV bietet ideale Möglichkeiten, über die Forschungsstellen mit hochmotivierten Studierenden in Kontakt zu treten. Dadurch sind schon sehr viele Arbeitsverhältnisse in unseren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zustande gekommen, die auch heute noch Bestand haben. //

Dr.-Ing. Andreas Kufferath (geb. 1965) studierte Chemieingenieurwesen an der Technischen Universität Karlsruhe. Er promovierte am Lehrstuhl für Verbrennungstechnik.

Seine berufliche Laufbahn begann er 1999 bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart:

Fachbereich ›Gasoline Systems

1999 – 2002 Projekt, Applikation / Kalibrierung Direkteinspritzung
2002 – 2003 Vorentwicklung, Gemischaufbereitung / Unterstützung der Komponentenentwicklung
2003 – 2008 Projektleiter, Verbrennungskonzepte
2008 – 2015 Abteilungsleiter, Verbrennungssystemtechnik

Geschäftsbereich ›Power Solutions

2015 – bis heute Vice President, Powertrain Solutions – Engineering Nutzfahrzeug-Antriebsstrang – Diesel / Wasserstoff


Mitgliedschaften und Engagement

2022 – bis heute Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats / Mitglied im Vorstand der Forschungs- vereinigung FVV e.V.
2023 – bis heute Mitgründer / Mitglied im Vorstand der Allianz Wasserstoffmotor e.V.