Industrielle Resilienz durch technologische Souveränität
In der Werkstoffkunde bezeichnet ›Resilienz‹ die Eigenschaft eines Materials, nach einer extremen Spannung wieder seinen Ursprungszustand einzunehmen. Übertragen auf andere Bereiche, beispielsweise Industrie und Wirtschaft, lässt sich der Begriff mit einer großen Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflussfaktoren gleichsetzen. In beiden Fällen geht es im Kern darum, höchste Beanspruchungen unbeschadet zu überstehen. Auch die Mitgliedsunternehmen der FVV sind Belastungen ausgesetzt, die derzeit noch erfolgreiche Geschäftsmodelle künftig in Frage stellen können: Die Unternehmen müssen für die angestrebten Netto-Null-Treibhausgasemissionen maximale Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen aufbringen. Dabei ist der Weg zur Klimaneutralität keineswegs vorgezeichnet, sondern verändert sich permanent durch interne und externe Faktoren. Die resiliente Umsetzung der Transformation setzt daher Vielfalt bei Forschung und Entwicklung statt technologischer Monokultur voraus.
Aus diesem Grund hat die FVV ihre Forschungsaktivitäten in den vergangenen Jahren sukzessive auf neue Energieträger und -wandler ausgeweitet. Mit unseren Projekten decken wir heute eine große Bandbreite unterschiedlicher Technologien ab, etwa Verbrennungsmotoren und Turbomaschinen mit alternativen Kraftstoffen, Brennstoffzellen und Elektromotoren. Unsere Bewertung von Forschungsthemen erfolgt ideologiefrei. Gradmesser für die Auswahl ist, das Potenzial der jeweiligen Konzepte, zur Klimaneutralität beizutragen. Mit dieser Strategie erzielen wir umfassende Forschungsergebnisse in allen erfolgversprechenden Bereichen künftiger Energiewandlungssysteme. Unternehmen, die diese Vorleistung der vorwettbewerblichen Gemeinschaftsforschung synergetisch nutzen und damit die eigenen Forschungsaktivitäten sinnvoll ergänzen, können ihre technologische Abdeckung schnell und effizient ausweiten. Dieser Wissensgewinn schafft die erforderliche Souveränität, Produktentscheidungen faktenbasiert und aus einem breiten Technologieangebot heraus zu treffen, sodass die beste Lösung für die jeweilige Aufgabe ausgewählt werden kann. Gleichzeitig erhöht sich die Resilienz, da der gemeinsam erarbeitete Wissenspool Alternativen bereithält, sollte ein Technologiepfad durch nicht absehbare Umstände an Bedeutung verlieren. Diese Rückfallebenen sichern den Weg zur Klimaneutralität ab und erhöhen die Robustheit der Transformation.
Dr. Markus Schwaderlapp // Martin NitscheDer Weg zur Klimaneutralität ist keineswegs vorgezeichnet, sondern verändert sich permanent durch interne und externe Faktoren. Die resiliente Umsetzung der Transformation setzt daher Vielfalt bei Forschung und Entwicklung statt technologischer Monokultur voraus.
Einen weiteren Beitrag zur Souveränität der Mitgliedsunternehmen durch technologischen Wissensvorsprung liefern die Orientierungsstudien der FVV. Im Mittelpunkt steht hier die Erweiterung des Betrachtungshorizonts über das Netzwerk der FVV hinaus. Wir haben uns vorgenommen, Fragen zu beantworten, die mit der angestrebten Kohlenstoffneutralität der europäischen Energieversorgung und der damit einhergehenden Defossilisierung anderer Industriebereiche und Wirtschaftssektoren entstehen. Damit wollen wir ein Gesamtbild der verfügbaren Technologien zeichnen und so zum Verständnis des übergeordneten Ökosystems mit den wichtigsten Verknüpfungen und Wechselwirkungen beitragen. Aktuell führen wir eine umfassende Studie durch, die Aufschluss über die übergreifenden Auswirkungen des Einsatzes treibhausgasneutraler Technologien in verschiedenen Sektoren wie Verkehr, Industrie und Haushalte in Europa bis 2050 geben soll. Erste Ergebnisse erwarten wir Ende 2025. Die neue Energie-Studie der FVV wird die Resilienz der Unternehmen erhöhen, da unsere Mitglieder Wissen über ein klimaneutrales europäisches Energiesystem erlangen, mit dem sie ihre eigene Transformationsstrategie besser an die technologischen Randbedingungen anpassen können.
›Stillstand bedeutet Rückschritt‹ ist eine bekannte Lebensweisheit: In einer Welt, die sich fortwährend und mit hoher Dynamik weiterentwickelt, kann nur langfristig erfolgreich sein, wer fortschrittlich denkt und die Zukunft aktiv gestaltet. Für die FVV ist dieser Ansatz zentraler Kern aller Aktivitäten – der generische Code, der auch in unserem Claim ›Science for a moving society‹ sichtbar wird. Fortschritt bedeutet für die FVV, eine offene Denkweise zu pflegen und Impulse aus den Mitgliedsunternehmen oder Wissenschaft und Gesellschaft aufzunehmen. Seit einiger Zeit geht es dabei verstärkt um die sinkende Anzahl an Studierenden im MINT-Bereich. Infolgedessen sind immer mehr Unternehmen vom Fachkräftemangel betroffen. Die Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie ist für die FVV eng mit einer aktiven Nachwuchsförderung verbunden. Die anwendungsorientierten Projekte der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) sind prädestiniert für diese Aufgabe: Studierende und Doktoranden bearbeiten zusammen mit erfahrenen Forscherinnen und Forschern konkrete, industrierelevante Themenstellungen. Die jungen Talente werden gefordert, erhalten gleichzeitig aber auch operative und organisatorische Unterstützung durch die Fachleute in den Projektbegleitenden Ausschüssen. Der Gewinn ist auf beiden Seiten festzumachen: Die Studierenden gewinnen Einblick in die wissenschaftliche Projektarbeit auf Industrieniveau und die Unternehmen sehen das Potenzial der Nachwuchskräfte. Jährlich durchlaufen mehr als 150 naturwissenschaftlich-technisch qualifizierte Studierende dieses Förderprogramm der FVV. Ihre Vermittlungsquote in die Industrie liegt unseren Beobachtungen nach bei annähernd 100 Prozent. Damit leistet die FVV ihren Beitrag zur Resilienz der Branche in Bezug auf den Ingenieurmangel. Undenkbar wären die Aktivitäten der FVV ohne die unzähligen aktiven Mitglieder in unserem Netzwerk, die viel Zeit in die gemeinsame Projektarbeit investieren und damit auch Themenfelder wie ›technologische Souveränität‹ und ›industrielle Resilienz‹ wissenschaftlich mitgestalten. An dieser Stelle bedanken wir uns ausdrücklich für Ihr Engagement!