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Die Zukunftsgestalter - Anna Trauth 19.10.2026

Den Wandel aktiv mitgestalten

Kupfer, Kupferlegierungen und deren Fügeverbindungen spielen bei der Entwicklung und Produktion von elektrischen Antriebssträngen eine entscheidende Rolle für deren Leistungsfähigkeit. Was jedoch fehlt, sind Auslegungsmethoden für Fügeverbindungen. Professorin Anna Trauth forscht dazu in einem FVV-Projekt an der TU Darmstadt.

Text: Mathias Heerwagen | Fotos: Steffi Schmall Fotografie

Mit innovativer Gemeinschaftsforschung leistet die FVV einen wichtigen Beitrag zur Energie- und Mobilitätswende. Wir sind fest davon überzeugt, dass bis 2045 / 2050 Klimaneutralität mit einem Technologiemix erreicht werden kann, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden und Unternehmen in der Auswahl ihrer Transformationsstrategien frei sind.

FVV-Mitgliedsunternehmen entwickeln Technologien und Produkte, die zeigen, dass die Zukunft der Energiewandlungssysteme vielfältig ist. Dabei geht die jüngere Generation an Führungskräften Herausforderungen mitunter anders an als bisher, hinterfragt Abläufe und gewachsene Strukturen.

In Kurzporträts stellen wir Menschen vor, die daran arbeiten, Motoren und Triebwerke, Fahrzeuge und Maschinen effizienter, sauberer und langlebiger zu machen:

  • Anna Trauth entwickelt an der TU Darmstadt Auslegungsmethoden für kupferbasierte Fügeverbindungen im elektrischen Antriebsstrang.

  • Marco Günther entwickelt und vermittelt an der RWTH Aachen neues Wissen rund um mobile Antriebssysteme.

  • Tore Fischer entwickelt bei FISCHER Fuel Cell Verdichtertechnologie für die nächste Generation von Brennstoffzellen.

  • Katja Fröhlingsdorf optimiert bei Robert Bosch in Immenstadt Produktionsstrategien für unterschiedliche Bremssysteme.

  • Miriam Florack entwickelt bei Daimler Truck in Stuttgart Abgasnachbehandlungssysteme für Nutzfahrzeuge.

  • Sebastian Wohlgemuth stellt mit innovativen Produkten den Motorenbauer Hatz zukunftssicher auf.

  • Christoph Weißbacher konstruiert reibungsarme Gleitlager für Maschinen und Getriebe.

Die FVV spielt bei jedem im Arbeitsalltag eine Rolle, doch wie sich zeigt, hat die vorwettbewerbliche Forschung auch Grenzen.

Es scheint, als sei ihr Weg vorbestimmt gewesen: »Wir haben immer scherzhaft gesagt, das Erste, das ich als Kind gelernt habe, war, wie ein Motor im Auto funktioniert«, erzählt Anna Trauth. Mit ihrem Vater bastelt sie Modellflugzeuge, das technische Interesse ist schon in der Kindheit stark ausgeprägt; in der Schule liegen ihr die naturwissenschaftlichen Fächer.

Sie denkt über ein Physikstudium nach – aber was macht man später als Physikerin? An der TU Chemnitz studiert sie schließlich Sports Engieering, die Kombination aus Sport und Technik schien aus persönlichem Interesse doch interessanter. Was folgt, ist eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere, durch die sich ein roter Faden zieht: das Interesse an Werkstoffen. »Das ging los im Bachelorstudium, als ich das erste Mal von polymerbasierten Faserverbundwerkstoffen gehört habe, die unter anderem auch in Sportgeräten eingesetzt werden. Ich fand es spannend, dass man Werkstoffe ›designen‹ kann, um bestimmte Eigenschaften gezielt zu erzeugen und verschiedene Welten zusammenzubringen«, sagt Anna Trauth.

Um sich mehr Möglichkeiten zu eröffnen, in welche Richtung es später gehen kann, studiert sie parallel klassische Maschinenbauerin im Bachelor. Als klassischen Maschinenbauer sieht sie sich dennoch nicht, es war eine eher pragmatische Lösung. Trotzdem hängt sie den Maschinenbau-Master am renommierten Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an. Einen Teil des Masterstudiums absolviert sie in Frankreich und ist dort in guter Gesellschaft: »Am KIT habe ich teilweise als einzige Frau in den Vorlesungen gesessen, in Frankreich war das wesentlich aus geglichener.«

Ich fand es spannend, dass man Werkstoffe ›designen‹ kann, um bestimmte Eigenschaften gezielt zu erzeugen und verschiedene Welten zusammenzubringen
Prof. Dr.-Ing. Anna Trauth

Schon im dritten Semester lehrt sie selbst und merkt dabei, dass ihr die Forschung und das wissenschaftliche Arbeiten liegen. Sie wird wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Materialien des KIT; an der University of Windsor in Ontario, Kanada, forscht sie als Gastwissenschaftlerin im Department of Mechanical, Automotive & Materials Engineering. Mit dem Master in der Tasche in die Industrie zu gehen, kam nie in Frage – die Promotion am KIT folgt 2018, der Dr.-Ing. öffnet neue Türen.

Fünf Jahre lang ist Dr. Trauth Gruppenleiterin am Lehrstuhl Hybride Werkstoffe am Institut für Materials Resource Management (MRM) der Universität Augsburg. 2022 übernimmt sie dort eine Vertretungsprofessur, bis 2024 der Ruf auf eine ordentliche Professur an die TU Darmstadt folgt. Vom Basteln von Modellflugzeugen zur Professorin mit Mitte 30 – es hätte schlechter laufen können.

Auslegungsmethoden für Kupfer fehlen

Sie übernimmt die wissenschaftliche Leitung bei zwei FVV-Projekten; in einem vom BMWE mit einer Dreiviertelmillion Euro geförderten Projekt 1533 geht es um die ›Konzeptgestützte Schwingfestigkeitsbewertung von geschweißten Bauteilen aus Kupfer‹. Der Werkstoff spielt in neuen Antriebskonzepten und beim Mobilitätswandel eine wichtige Rolle, doch es gibt bislang kaum Auslegungsmethoden. »Normalerweise haben Ingenieure einen Leitfaden, um zu wissen, welche Berechnungen sie durchführen müssen, damit eine Schweiß- oder Fügeverbindung sicher ist. Solche Auslegungsmethoden gibt es für Kupfer nicht oder nur sehr beschränkt, und für entsprechende Fügeverbindungen noch gar nicht«, erklärt Professorin Trauth den Forschungsbedarf. Diese seien aber nötig im Designprozess, damit standardisierte, vom Anwender unabhängige, Vorgehensweisen möglich werden.

Dem elektrischen Antriebsstrang kommt eine große Bedeutung bei der Entwicklung und Produktion von künftigen Fahrzeugen zu. Hier spielen Kupfer und Kupferlegierungen und deren Fügeverbindungen eine wesentliche Rolle, sowohl für die Leistungsfähigkeit als auch für die Wirtschaftlichkeit. Aktuell gibt es nahezu keine veröffentlichten Daten zum Ermüdungsverhalten bzw. Auslegungsmethoden für Fügeverbindungen aus Kupfer, wie dies etwa bei Stählen oder Aluminiumlegierungen der Fall ist. Aus Mangel an einem anerkannten Auslegungskonzept bleibt derzeit nur der experimentelle Weg über Schwingfestigkeitsversuche, um sicherheitsrelevante geschweißte Bauteile aus Kupfer abzusichern. Dies ist mit hohem Zeit- und Kostenaufwand verbunden, der von Komponenten- und Teilelieferanten (Zulieferpyramide Tier 2 bzw. 3, in der Regel KMU) jedoch nicht geleistet werden kann.

Die Projektergebnisse und deren Transferprodukte werden auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen in KMU-gerechter pragmatischer Form umgesetzt und für die unmittelbare Anwendung in der Praxis vorbereitet. Dies umfasst die folgenden Punkte:

  • Empfehlungen zur Werkstoffauswahl bei Schweißverbindungen aus Kupfer

  • Phänomenologisches Auslegungskonzept

  • FEM-Modellierung mit gängiger FE-Software

  • Bereitstellung der erforderlichen Modell- und Werkstoffparameter

  • Einfache Bewertungsmöglichkeiten von Neukonstruktionen oder neuen Schweißverbindungen

Die beteiligten Forschungsstellen befassen sich seit vielen Jahren mit Fragestellungen der Fügetechnik und der Ermüdungsfestigkeit und haben klare inhaltliche Schwerpunkte, welche sich hervorragend ergänzen. Ein umfassendes Konzept für den Transfer an KMU wurde entwickelt.

Großes industrieübergreifendes Interesse

Warum es solche Daten noch nicht gibt? Kupfer ist kein klassischer Konstruktionswerkstoff, und vor allem bei der im Projekt untersuchten Schwingfestigkeit wird es sehr dünn mit der Datenlage. Das Lebensdauerthema sei zudem nur aufwendig zu untersuchen. Da wundert es nicht, dass das Interesse an den Daten industrieübergreifend groß ist und die Projekttreffen immer sehr interdisziplinär besetzt sind, sagt Trauth: »Es ist toll, dass die FVV so viele verschiedene Player an einen Tisch bringt. Das kann vermutlich nur eine Forschungsvereinigung leisten.«

Im Projekt wollen die Forscher den klassischen Weg mit vielen Laborversuchen abkürzen, indem sie Modelle finden und mit Simulationen arbeiten. Das Spannende sei, dass der Fokus auf einem Konzept liegt, das leicht in die Praxis überführt werden kann. Mittlerweile haben die Forscher »verstanden, worauf es ankommt und welche Informationen wir brauchen. Im zweiten Schritt führen wir nun die Methoden und Auslegungsverfahren zusammen«. Von den Ergebnissen wird nicht nur die Automotive-Industrie profitieren, sagt die Professorin: »Eines der Hauptziele und unser Anspruch ist die Skalier- bzw. Übertragbarkeit, daher ziehen wir es sehr werkstoffzentriert auf.« Die Daten könnten dann beispielsweise für die Entwicklung von Windkraftgeneratoren oder Batterietechnik und Leistungselektronik genutzt werden.

Vom Versuch zur Anwendung: Die computergestützte Auswertung von Werkstoffdaten unterstützt die Entwicklung praxisnaher Bewertungsmethoden für Fügeverbindungen aus Kupfer.

Die Forscher setzen im Projekt auch datenbasierte Intelligenz ein. Viele ihrer Kollegen an der TU Darmstadt nutzen diese Ansätze und Künstliche Intelligenz stark in den technischen Bereichen, berichtet Professorin Trauth, sowohl in der Forschung als auch der Lehre, um konkrete technische Probleme zu lösen oder Berechnungen durchzuführen. Sie befürwortet die Technik als gute Unterstützung im Arbeitsalltag, fordert jedoch ein kritisches Hinterfragen: »Wie ist es mit der Verantwortung? Wer sagt am Ende, die Berechnung stimmt und das Bauteil hält? Das kann man nicht auf den Computer übertragen. Daher muss der Mensch die Ergebnisse immer prüfen. Und ich erlebe leider häufig bei den Studierenden, dass das nicht immer passiert.« Es sei eine große Herausforderung, ein Bewusstsein für die Grenzen der Technologie zu schaffen, und wichtig, die aktuelle Forschung in die Lehre einzubeziehen.

Wer sagt am Ende, die Berechnung stimmt und das Bauteil hält? Das kann man nicht auf den Computer übertragen. Daher muss der Mensch die Ergebnisse immer prüfen.
Prof. Dr.-Ing. Anna Trauth

Bei der Frage, ob sie sich zwischen Forschung und Lehre entscheiden könnte, merkt man ihr die Ambivalenz an: »Schwierig. Ich möchte mich niemals für eins der beiden entscheiden müssen. Aber ich habe mich damals bewusst Richtung Universität orientiert, um den Forschungsaspekt noch mehr zu haben«, sagt Trauth. Spaß mache ihr beides, doch genauso gebe es auf beiden Seiten Dinge, die »auch mal lästig sind«. Das gehört vielleicht dazu, wenn man den Wandel aktiv mit gestalten möchte. Nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich und in der Lehre möchte die Professorin einen Beitrag leisten, damit es künftig »in eine gute Richtung« geht. Auch für ihre Familie, mit der sie die wenige freie Zeit am liebsten verbringt. Draußen in der Natur, sportlich aktiv, am besten in den Bergen. Um die Energie in eine andere Richtung zu lenken. //

Prof. Dr.-Ing. Anna Trauth ist Professorin für Werkstoffmechanik an der TU Darmstadt. Nach ihrem Studium an der Technischen Universität Chemnitz, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie der École nationale supérieure d’Arts et Métiers in Paris promovierte sie 2018 am Institut für Angewandte Materialien des KIT im Bereich hybrider Faserkunststoffverbunde für strukturelle Anwendungen.

Im Anschluss war Anna Trauth als Gruppenleiterin für Werkstoffe und Mechanik am Institut für Materials Resource Management der Universität Augsburg tätig. Im Jahr 2024 folgte sie dem Ruf an die TU Darmstadt, wo sie seitdem mit ihrer Arbeitsgruppe an innovativen Lösungen für werterhaltende Werkstoffe und Prozesse forscht.

Im Mittelpunkt ihrer wissen schaftlichen Arbeit stehen dabei insbesondere die skalenübergreifende Charakterisierung und Modellierung des Schädigungs- und Ermüdungs verhaltens von Werkstoffen und Strukturen. Mit ihrer Forschung verbindet sie grundlegende werkstoffmechanische Fragestellungen mit anwendungsorientierten Ansätzen und leistet damit einen Beitrag zur Entwicklung langlebiger, leistungsfähiger und ressourcenschonender Werkstofflösungen.

Der Fachbereich Fachbereichs Bau- und Umweltingenieurwissenschaften ist als eine der Gründungsdisziplinen der Technischen Universität Darmstadt zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Nach wie vor prägen die Themen und Aktivitäten in den Bereichen Bau, Umwelt und Geodäsie die Ingenieurwissenschaften an der TU Darmstadt und darüber hinaus.

Die Vernetzung mit etlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Europa und weltweit sorgen für innovative akademische Leistungen und einem Lehrbetrieb auf fachlich stets aktuellen Stand. Zahlreiche bestehende Kooperationen mit Planungsbüros, der Industrie und den Fachbehörden bringen Forschungsergebnisse zielgerichtet in die Praxis und helfen dabei mit, den Fortschritt in einer der potentesten Metropolregionen Europas voranzutreiben.

Der Fachbereich konzentriert sich gemäß seines Leitbildes auf ingenieurwissenschaftliche Lösungen für die gebaute Umwelt im System Erde. Die Aktualität vieler seiner Themen ist durch den Klimawandel, die Energiewende, umweltpolitische Vorgaben zum Umweltschutz und zur Nachhaltigkeit als auch aufgrund der rasanten Entwicklung neuer Werkstoffe und Fertigungsverfahren im Bauwesen gegeben.

Das dazugehörige Fachgebiet Werkstoffmechanik wurde 1976 an der Technischen Hochschule Darmstadt eingerichtet und wird seit 2024 von Prof. Dr.-Ing. Anna Trauth geleitet. Es bildet zusammen mit den Fachgebieten Stahlbau und Holzbau sowie der Versuchsanstalt und PÜZ-Stelle das Institut für Stahlbau und Werkstoffmechanik.